Antizyklisches Investieren: Ratgeber

Antizyklisches investierenAnleger suchen immer wieder nach neuen Investitionsstrategien. Manche entscheiden sich fürs aktive Daytrading, während viele jedoch auch die Buy- & Hold-Strategie verfolgen. Hier geht es darum, eine Aktie zu kaufen und diese dann über einen langen Zeitraum zu halten.

Eine Unterkategorie der Buy- & Hold-Strategie ist das antizyklische Investieren. Antizykliker schwimmen gegen den Strom und kaufen Wertpapiere dann, wenn der Markt gerade rote Zahlen schreibt. Während die meisten bei schlechter Konjunktur also ihre Wertpapiere loswerden wollen, kaufen Antizykliker genau dann – so jedenfalls die Theorie.

Menschen, die antizyklisch investieren, glauben daran, dass der Markt einer gewissen Schwankungsbreite ausgesetzt ist. Innerhalb dieser wellenartigen Strukturen bewegen sich die Linien hin- und her. Die Kunst ist es, am Tiefpunkt zu kaufen und zu verkaufen, wenn es eine gute Marktstimmung gibt. Das kann unter Umständen ziemlich gut funktionieren.

Im folgenden Beitrag zeigen wir, wie die antizyklischen Strategien im Detail aussehen, welche Börsenprofis so investieren und ob sich antizyklisches Investieren für dich eignet.


Was steckt hinter antizyklischem Investieren?

Antizyklisch Investieren Beispiel

Antizyklische Investoren sind überzeugt davon, dass Menschen mit ihren Emotionen oft zur Übertreibung der Kurse führen.

Antizyklisch IconDas bedeutet, dass Menschen auch dann noch eine Aktie kaufen, wenn diese fundamentalanalytisch gesehen schon längst überbewertet ist. Ihre Entscheidungen basieren dann oft auf Emotionen wie dem “Fear Of Missing Out – FOMO”.

Dieser Vorgang kann sich natürlich auch in die andere Richtung entwickeln. Wenn viele Menschen eine Aktie gleichzeitig verkaufen, kann diese innerhalb weniger Minuten oder Stunden schnell nach unten rasseln. Hier spielen Emotionen ebenso eine große Rolle – und der Aktienwert sinkt unter den tatsächlichen Wert des Unternehmens.

An diesem Punkt könnte man das Wort “Sheeple” ins Spiel bringen. Es vermischt die Wörter “Sheep” (Schaf) und “People” (Menschen).

Menschen verhalten sich in Massen oft nicht anders als Herdentiere, die den anderen einfach hinterherlaufen. Deshalb kommt es an den Börsenmärkten immer zu über- oder unterbewerteten Situationen, in welchen die Aktienbewertung mit dem tatsächlichen Unternehmenswert nicht übereinstimmt.

Antizyklische Anleger möchten sich genau diese Herdenbewegungen zu Nutze machen. Gekauft wird im tiefroten Bereich, verkauft im euphorischen Bullenmarkt.

Wie funktioniert antizyklisches Investieren?

Von einem Bullenmarkt ist die Rede, wenn es bergauf geht. Von einem Bärenmarkt, wenn es bergab geht.

Als antizyklischer Investor benötigt man eine objektive und von Emotionen losgelöste Strategie, nach der man Kurse kauft und verkauft.

Das Idealziel eines Antizyklikers ist der Einstieg (Kauf), wenn die Aktie am Boden liegt und der Ausstieg (Verkauf), wenn die Aktie eine Hochphase durchläuft.

Doch beim antizyklischen Investieren muss man akzeptieren, dass man nie am niedrigsten Kurs kaufen und zum höchsten Kurs verkaufen wird. Dann müsste man schon extrem viel Glück haben.

Gegen den Strom schwimmenMan kann jedoch rote Bereiche definieren, in denen man einkauft. Zur Disziplin gehört, dass man abwartet, bis sich der Markt wieder in die andere Richtung entwickelt – auch wenn es vorher noch etwas steiler bergab geht.

Der Grundgedanke eines jeden Antizyklikers: Kaufen, wenn die Anleger pessimistisch sind und verkaufen, wenn die Anleger optimistisch sind.

Das Erfolgsrezept lautet also: Gegen den Strom schwimmen.

Ein Beispiel für erfolgreiches antizyklisches Investieren stellt auch die Dotcom-Blase dar. Hier sind viele Kurse bodenlos abgestürzt. Wer nach dem Absturz die gecrashten Aktien günstig eingekauft hat, konnte in den darauffolgenden Jahren (oder Jahrzehnten) hohe Gewinne einfahren. Zwar gingen einige Unternehmen pleite, doch der Großteil des Marktes erholte sich und steht heute besser da als jemals zuvor.

Unterschiede zwischen zyklischem und antizyklischem Investieren

Zyklisch vs. Antizyklisch investieren

Das antizyklische Investieren haben wir in diesem Beitrag bereits ausführlich erklärt. Aber was ist eigentlich zyklisches Investieren?

Zyklisches Investieren ist wohl genau das, was Antizykliker “Der Herde hinterherlaufen” nennen würden. Ein zyklischer Investor kauft, wenn viele Marktteilnehmer gerade auch kaufen und er verkauft, wenn viele Marktteilnehmer gerade verkaufen.

Dem Trend zu folgen kann natürlich auch profitabel sein, doch die Rendite-Aussichten sind geringer.

Das Problem bei zyklischem Investieren: Man kauft, wenn sich der Markt bereits schon längere Zeit in einem Aufwärtstrend befindet. Die guten Einstiegspreise hat man schon verpasst. Obwohl der Zug der unterbewerteten Aktie also schon abgefahren ist, stützen sich zyklische Investoren auf die vergangene Kursentwicklung. Die Devise lautet: “Wenn der Kurs in den letzten Tagen/Wochen/Monaten so gestiegen ist, wird es wohl genau so weitergehen.”

Diese Strategie kann aufgehen, doch eines vergessen zyklische Anleger immer wieder: Vergangene Kursentwicklungen lassen nie auf zukünftige schließen.

Ein Trend kann sich natürlich weiterentwickeln, doch wenn es zur Trendumkehr kommt, verkaufen viele zyklische Anleger nicht sofort. Sie glauben, dass sich der Trend bald wieder fortsetzen wird – und müssen unter Umständen später mit einem dicken Minus verkaufen.

Ein zyklischer Investor möchte also mit dem Strom schwimmen, auch wenn der Strom bald vor einer Umkehr steht.

CFD-StrategieAls krassen Gegenpol zu zyklischen Anlegern gibt es die antizyklischen.

Sie kaufen, wenn die Märkte am Boden liegen und es eigentlich noch gar keinen Trend nach oben gibt.

Unter Umständen ist man so also all jenen voraus, die auf einen Trend zum Einsteigen warten.

Wenn eine Aktie beispielsweise nach der eigenen Einschätzung und Analyse unterbewertet ist, obwohl das Unternehmen gute Zahlen vorweist und man der Firma auch eine rosige Zukunft vorhersagt, sollte man sich das Wertpapier genauer ansehen.

Antizykliker brauchen jedoch viel Geduld, denn nach dem Kauf einer Aktie im unterbewerteten Bereich kann es Jahre dauern, bis es zu einem Trend nach oben kommt.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass antizyklische Investoren dann investieren, wenn die Marktzahlen rot sind und viele negative Emotionen vorherrschen. Zyklische Investoren kaufen hingegen dann, wenn die Märkte steigen und von einem “bullischen” Markt die Rede ist.

Pros und Kontras: Antizyklisches Investieren

Vor- und Nachteile

Antizyklische Anlagestrategien bieten Vor- und Nachteile.

Beginnen wir mit einem Nachteil: Beim antizyklischen Investieren besteht immer die Gefahr, dass ein Kurs im roten Bereich noch weiter sinken wird. Es ist nahezu unmöglich, den genauen Tiefpunkt festzulegen. Einen genauen Umkehrpunkt, der besagt, wann der Kurs wieder zu steigen beginnt, gibt es bei keiner Aktie.

Doch die Chancen stehen gut, dass sich ein Asset wieder erholen wird, wenn es in der Vergangenheit stark gesunken ist. Als Beispiel sind hierfür etwa große Indizes wie der DAX oder der NASDAQ zu nennen.

Die Aktienindizes haben sich bisher von Krisen immer wieder erholt. Die Verluste der Finanzkrise 2008 waren nach weniger als 2 Jahren wieder eingeholt – und seitdem stiegen die Kurse stetig (wenn auch mit wiederkehrenden Ausreißern nach unten).

Entwicklung des DAX

Entwicklung des DAX seit 1988. Nach der Finanzkrise 2008 / 2009 ging es wieder steil bergauf.

Auch die Corona-Krise stellt im langjährigen Chart der großen Aktienindizes nur eine kleine Einkerbung dar. Nachdem der NASDAQ um den 20. März 2020 seinen Tiefpunkt markierte, befand sich der Index Ende Mai bereits auf Vorkrisenniveau. Seit damals ging es dann wieder stark bergauf.

Ein weiterer Kritikpunkt an der antizyklischen Strategie ist, dass Anleger sehr viel Geduld beweisen müssen. Bei unterbewerteten oder gecrashten Wertpapieren kann es Monate oder Jahre dauern, bis sie wieder in einen Aufwärtstrend geraten oder sich erholen.

Antizyklisches Investieren bietet nach unserer Einschätzung mehr Vor- als Nachteile, da sich große Indizes und Blue Chips nach einem Crash fast immer wieder erholen. Man muss jedoch sehr viel Geduld mitbringen, denn eine Erholung kann Jahre dauern. Das Risiko nach einem Crash, dass ein Unternehmen gänzlich pleite geht, ist natürlich auch immer vorhanden.

Was sagen Börsenprofis zu antizyklischem Investieren?

Börsenparkett

Einige antizyklische Investoren wurden durch ihre Anlagestrategie berühmt.

Der Bankier Carl Mayer von Rothschild machte etwa schon im 18. und 19. Jahrhundert mit seinen Finanzweisheiten auf sich aufmerksam. Ein sehr bekannter Spruch: “Kaufe, wenn die Kanonen donnern und verkaufe, wenn die Violinen spielen.”

Mit diesem Spruch ist die antizyklische Investitionsstrategie perfekt erklärt.

Ein ebenso bekannter antizyklischer Anleger ist Warren Buffet. Er wurde reich, indem er genau dann auftauchte und Aktien kaufte, wenn die Masse gerade verkaufte. Auch ihm war klar, dass es sich bei den internationalen Märkten hauptsächlich um ein psychologisches Spiel handelt.

Wer es schafft, wie Buffet, gute Einstiegspunkte zu finden, kann sich beruhigt zurücklehnen und dem Markt bei seinem Treiben zusehen. Zwar kann eine Aktie jederzeit noch weiter abstürzen, die Gefahr ist bei sogenannten “Penny Stocks” (Aktien mit geringem Preis) aber niedriger, als bei Aktien, die bereits einen hohen Preis haben.

Wie Herr Rothschild, hat auch Warren Buffet mit einem Spruch die antizyklische Theorie unterstützt: “Sei ängstlich, wenn andere gierig sind und sei gierig, wenn andere ängstlich sind.”

Damit brachte Buffet seine Anlagestrategie auf den Punkt: In seiner Vergangenheit machte der bekannte Aktienhändler immer wieder mit antizyklischen Handelsentscheidungen Schlagzeilen, die sich dann jedoch als sehr profitabel erwiesen haben.

Wenn viele Menschen vor Panik alle Aktien verkaufen, steigt Buffet ein und nutzt die Gunst der Stunde – denn Panikverkäufe sind vor allem eines: Emotional und übertrieben.

Wie finden Antizykliker empfehlenswerte Investments?

Wie kann ich an der Börse handeln?

Gute Aktien und Einstiegspunkte zu finden ist alles andere als leicht, denn ein Tiefpunkt lässt sich nie zu 100% definieren.

Eine wichtige Frage sollte sich anfangs jeder Antizykliker nach einem Crash stellen: Ist die Panik gerechtfertigt?

Zwar sind panische Abverkäufe oft übertrieben, doch in vielen Fällen steckt auch ein nachvollziehbarer Grund dahinter.

Ein Beispiel dafür ist etwa die Wirecard-Aktie. Als die Skandale rund ums Unternehmen bekannt wurden und die Firma Insolvenz anmelden musste, stürzten die Aktienkurse ins Bodenlose.

Innerhalb von weniger als 10 Tagen ging der Preis von 100€ pro Aktie auf gerademal 1,40€ pro Aktie.

In diesem Fall hatte der panische Abverkauf wohl seine Berechtigung. Ob sich der Aktienkurs der Firma jemals wieder erholen wird, ist fraglich. Manche Zocker spekulieren jedoch darauf und kaufen die Aktie, die mittlerweile für einen geringen Centbetrag erhältlich ist.

Zu bedenken ist also, ob die Aktie überhaupt eine Chance hat, sich jemals wieder zu erholen. Denn eine Krise kann auch Jahre andauern und nach einem Crash noch schlimmer werden.

Als empfehlenswerte antizyklische Investments können also nur solche Wertpapiere gesehen werden, bei denen man sich ganz sicher ist, dass sich die Aktie wieder erholen kann.

Infrage kommen hier beispielsweise Blue Chip Aktien oder ETFs.

“Blue Chips” sind riesige Unternehmen, die von manchen sogar als “Too Big To Fail” eingestuft werden – etwa Coca Cola, McDonald’s, Apple oder Microsoft. Diese riesigen Unternehmen haben oft auch wegen ihrer politischen Rückendeckung die Chance, auch starke Einbrüche problemlos zu überleben.

Bei ETFs handelt es sich um Exchange Traded Funds, also um eine Gruppe an Aktien, die in Fonds an der Börse gehandelt werden. Investiert man Geld in einen ETF ist das so, als würde man kleine prozentuale Anteile von mehreren hundert Unternehmen gleichzeitig erwerben. Das Unternehmensrisiko wird somit effektiv gestreut.

Welche Fehler können antizyklische Strategien gefährden?

Werfen wir im Folgenden ein Auge auf die größten Fehler, die ein Antizykliker machen könnte.

  • Aktien kaputter Unternehmen kaufen
    Zwar sind Preisverfälle von Wertpapieren oft mit Emotionen verbunden, doch es steckt auch immer eine reale Begründung dahinter. Nur weil es einen Crash gegeben hat, sollte man eine Aktie nicht kaufen. Wer die Aktien eines “kaputten” Unternehmens kauft, wird dabei zusehen, wie die Wertpapiere langsam aber sicher in der kompletten Wertlosigkeit verschwinden.
  • Tiefpunkt falsch einschätzen
    Ein Tiefpunkt kann zwar nie zu 100% perfekt eingeschätzt werden, doch wer zu früh einsteigt, wird Geduld beweisen müssen. Die Aktie könnte dann nämlich noch eine Zeit lang weiter sinken – und damit das eigene Kapital. Eine Empfehlung: Mehrere Einstiegspunkte definieren und die Investments aufteilen. Das könnte dann zum Beispiel so aussehen: Das erste Investment nach 20% Kursverfall, das nächste nach weiteren 20%.
  • Krise unterschätzen
    Ein Fehler, der vielen Händlern unterläuft: Man konzentriert sich nur auf die technische Analyse, ohne die reale Welt miteinzubeziehen. Jede noch so ausgereifte Anlagestrategie ist nicht vor den Überraschungen realpolitischer Ereignise gefeit. Dass sich viele Aktien nach dem Corona-Lockdown-Crash so schnell erholt haben, ist zwar schön und gut – doch das hätte auch ganz anders ausgehen können. Ein jahrelanger pessimistischer Abwärtstrend wäre etwa auch möglich gewesen (und ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht ganz ausgeschlossen).

Eignet sich antizyklisches Investieren für mich?

Wer antizyklisch investieren möchte, benötigt ein besonderes Mindset.

Antizykliker müssen ein starkes Selbstbewusstsein sowie Nerven aus Stahl haben.

Es erfordert eine dicke Haut, immer gegen den Strom schwimmen zu müssen. Die Emotionen müssen zu 100% hintangestellt werden. Das funktioniert in der Praxis bei keinem Menschen immer.

Aus unserer Sicht müssen Antizykliker weiters viel Geduld mitbringen.

Einerseits ist die Geduld nötig, um überhaupt richtige Einstiegspunkte zu finden. Vor allem in Aktien-Hochphasen, wie wir sie aktuell sehen, müssen antizyklische Investoren abwarten.

Andererseits benötigt man ebenfalls ein dickes Sitzfleisch, um nach dem Kauf einer Aktie nicht sofort wieder den “Verkaufen”-Button zu betätigen. Da – wie in diesem Beitrag öfter erwähnt – der Umkehrpunkt nie genau festgestellt werden kann, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass es nach dem Einkauf noch eine Zeit lang bergab gehen wird.

Die Anhänger der Online-Community r/WallStreetBets würden es so ausdrücken: Man benötigt Diamond Hands (“Diamanthände”), um nicht gleich wieder alles mit einem Verlust zu verkaufen.


Fazit: Antizyklisches Investieren

Antizyklische Investoren kaufen, wenn alle anderen rot sehen.

Das klingt in der Theorie sehr schön und auch erfolgsversprechend, doch für die Praxis ergeben sich einige Hürden. Diese sollte man nicht unterschätzen.

Es ist nicht nur sehr schwer, die richtigen Einstiege zu finden, sondern auch, dies mental durchzuhalten.

Nur die wenigsten Investoren dürften in der Lage sein, genau dann zu kaufen, wenn die Masse komplett negativ gestimmt ist – und genau dann zu verkaufen, wenn alle Trends nach oben zeigen.

Doch antizyklisches Investieren kann unter Umständen gut funktionieren – wenn man in der Lage ist, Aktien von Unternehmen zu finden, die eine Chance auf eine realistische Erholung haben.

Beim Investieren und Traden lohnt sich auch ein Blick auf charttechnische Analysetools.

Die besten 11 Analysetools haben wir hier vorgestellt.

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