Interview mit Scalping Experte Heiko Behrendt

Heiko Behrendt InterviewScalping ist eine Trading-Technik, bei der Positionen innerhalb extrem kurzer Zeiträume eröffnet und wieder geschlossen werden.

Die Strategie erfordert ein hohes Maß an Konzentration, Selbstbeherrschung und Erfahrung.

Nur wenige schaffen es, professioneller und erfolgreicher Scalp-Trader zu werden.

  • Einer davon ist Heiko Behrendt, der auch die Webseite Scalp-Trading.de betreibt.
  • Heiko ist eigentlich gelernter Zimmermann, stieg 1998 aber mit dem Kauf der ersten Aktie ins Börsengeschäft ein.
  • Dies führte ihn 2001 zur selbstständigen Trading-Karriere.
  • Im Gegensatz zu vielen anderen Coaches, die eigentlich nur von ihren Kursen leben, gibt Heiko Behrendt an, bis 2010 zu 100% vom Trading gelebt zu haben.
  • Mittlerweile gibt der Scalper auch Online-Seminare zu dieser speziellen Form des Tradings.

Wir haben mit Heiko ein Interview geführt und über seinen Einstieg ins Scalping, Voraussetzungen für Anfänger und seine Beweggründe für den Start seiner Trading-Karriere gesprochen.


Interview: “Ich war plötzlich mein eigener Chef”

Wir haben das Interview im Juli 2021 mit Heiko durchgeführt.
Interview-Antworten geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.

Du schreibst auf deiner Webseite, dass du im Jahre 1998 deine erste Aktie gekauft hast. Wie kamst du von den eher passiven und langfristigen Aktieninvestments dann zum aktiven und kurzfristigen Trading? 

Ja genau, die Deutsche Telekom war meine erste Aktie, die ich gekauft hatte.

Als dann der „Neue Markt“ mit vielen Technologiewerten entstand und diese Aktien teilweise 100% am Tag zulegten, wurden auch meine Aktieninvestments immer kürzer. Damit wurde aus dem passiven Trading ein sehr aktives Trading.

Beim Platzen der Technologieblase verlor ich jedoch einen Großteil meines Kapitals, da ich vom Risiko- und Money-Management noch nichts wusste.

Was waren deine wichtigsten Beweggründe dafür, selbstständiger Trader zu werden?

Bevor ich mich mit dem Trading selbstständig gemacht habe, war ich als Zimmermann auf dem Bau tätig. Ich musste bei Wind und Wetter draußen arbeiten und war die ganze Woche auf Montage. Als ich sah, was man mit dem Trading verdienen kann, hatte ich den Traum (wie wahrscheinlich viele andere Trader da draußen), dass man vom Trading Leben kann.

Zudem konnte ich arbeiten wann und wo ich wollte – und war mein eigener Chef. Das Auf und Ab der Börse hatte mich zu dieser Zeit bereits in den Bann gezogen. Ich fasste mit 24 Jahren – im Jahr 2001 – den Entschluss, es zu versuchen. Bis heute bin ich dem Trading treu geblieben.

In deiner Biografie steht auch, dass du bis 2010 zu 100% vom Trading gelebt hast. Wie hast du das erreicht? Welche Tipps würdest du denjenigen geben, die das auch schaffen möchten?

Es stellte sich sehr schnell heraus, dass hinter diesem Traum doch sehr viel Arbeit steckte.

Es war nicht damit getan, nach einem Setup – wie etwa dem Kreuzen von gleitenden Durchschnitten – einfach Trades abzufeuern und viel Geld zu verdienen. Vielmehr ist es das stetige Auswerten und Analysieren des eigenen Handelns und das Ziehen von Konsequenzen. Die Märkte gehen heute auch noch stetig hoch und runter, im Grundkonstrukt sieht es heute aus wie vor zwanzig Jahren.

Um es sich besser vorzustellen, muss man sich nur ein Fußballspiel oder einen anderen Sport von vor zwanzig oder dreißig Jahren anschauen und mit heute vergleichen. Der Sport an sich hat sich nicht verändert – doch die Spielweise ist anders. Ein gutes Beispiel ist die erhöhte Geschwindigkeit, mit der die Spieler heute über das Spielfeld rennen.

Damit man diese Veränderungen als Trader ebenfalls mitbekommt, ist das Auswerten der Trades wichtig.

Mit der heutigen Erfahrung empfehle ich Tradern, dass sie zuerst an das Risiko und nicht an den Gewinn denken sollten. Genauso werden sie feststellen, dass Setups und Regelwerke nicht so wichtig sind, wie das Marktverständnis und die Kunst, die eigenen Emotionen im Griff zu haben. Denn diese sind meiner Meinung das größte Handicap, wenn es um langfristigen Erfolg geht.

Mein Tipp: Lerne so schnell wie möglich börsentechnisch zu denken, denn die eigenen Gedanken werden zu realen Trades. Die meisten denken im Sinne der Börse nicht richtig.

Wie würdest du das Scalpen einem Menschen erklären, der bisher nur “klassisch” in Aktien investiert hat?

“Scalp-Trading” kommt aus dem Englischen und bedeutet “herausschneiden”.

In dieser Nische versucht man, sich einen Teil einer Bewegung herauszuschneiden. Typischerweise handelt man im kurzfristigen Zeitrahmen von Tick- bis 5-Minuten-Charts. Die meisten Trades laufen nur wenige Minuten. Das hat den Vorteil, dass man sich nicht lange dem zeitlichen Risiko im Markt aussetzt.

Wichtig ist nur, dass der zu handelnde Markt eine gewisse Schwankungsbreite hat, an der man als Trader partizipieren kann. Durch die kurze Haltedauer ist es mir auch egal, ob der Markt in einer Woche höher oder tiefer steht. Scalp-Trading lebt von der Trefferquote und weniger von einem guten Chance-Risiko-Verhältnis.

Durch die vielen Handelssituationen hat man oft die Chance, den Tag im Gewinn zu beenden. Typischerweise beendet man als Scalp-Trader bei 20 Handelstagen im Monat 17 davon im Gewinn – wenn nicht sogar alle. Mein bestes Ergebnis waren einmal 100 Gewinntage in Folge.

Wie sieht der typische Tag eines Scalp-Traders aus?

Gegen 6 Uhr stehe ich auf und fahre nach dem Frühstück ins Büro. Auf dem Weg dorthin höre ich mir gerne Markus Koch an, der aus den USA berichtet. (Anm.: Markus Koch berichtet in mehreren Medienformaten wie Podcasts oder YouTube-Videos von der Wall Street in New York)

Im Büro beginne ich dann mit einem Rückblick auf den vorherigen Tag und schaue, wie die aufgestellten Szenarien aufgegangen sind – oder eben nicht. Dann fange ich mit der Vorbereitung an und stelle mir Szenarien für den Tag auf. Diese dienen mir als Anhaltspunkte und um zu schauen, ob ich marktkonform denke oder sehe, dass meine Gedanken nicht vom Markt umgesetzt werden.

Durch die Szenarien habe ich immer eine gute Referenz. Wer dies gerne im Detail sehen möchte, der kann auf meiner Seite https://scalp-trading.de/ in die Unterseite “Tagesanalysen” reinschauen. Dort stelle ich täglich kostenfrei meine Ansätze zur Verfügung.

Meist handle ich dann von 9-11 Uhr den DAX. Danach wird es am Markt ruhiger.

Ich kümmere mich dann um Büro- oder Coachingaufgaben. Anschließend mache ich ausgiebig bis ca. 14 oder 15 Uhr eine Mittagspause. Die US-Börsen beginnen ihren Handel um 15:30 Uhr. Meist handele ich dann nochmal bis 17:30 Uhr. Um 18 Uhr ist dann Feierabend, wobei ich am Abend dann immer mal auf dem Handy schaue, was die Märkte bis 22 Uhr noch so treiben.

Tipp: CFD.guide-Leser erhalten mit dem Code CFDguide#799€! einen Rabatt für den Grundkurs von Heiko Behrendt.

 Welche Voraussetzungen muss ein Mensch mitbringen, um Scalp-Trader werden zu können?

Wie bereits erwähnt, lebt das Scalp-Trading von den kurzen Haltedauern der Trades. Das wiederum bedeutet, dass man als Trader schnelle Entscheidungen treffen muss.

Oftmals ist Scalp-Trading für Händler geeignet, die es im normalen Trading nicht schaffen, eine Position lange laufen zu lassen. Diese Schwäche kann im Scalping zur Stärke werden. Gutes Timing beim Entry und Exit sind ebenfalls eine wichtige Voraussetzung.

Wer also merkt, dass er öfters richtigliegt als verkehrt und bisher aber die Positionen nicht gut verwaltet hat, der kann dieses Merkmal im Scalping zum eigenen Vorteil nutzen. Da die Märkte am Tag öfters mal ihre Richtung drehen, ist es von Vorteil, als Scalp-Trader ab und zu eine Meinung wie die Fahne im Wind zu haben.

Was bedeutet das? Es kommt nicht darauf an, unbedingt recht haben zu wollen. Es geht darum, die Situation schnell richtig zu erfassen und im passenden Moment den Trade zu platzieren.

Zum Abschluss noch eine interessante Frage: Wie soll jemand, der sich dieses Interview durchgelesen hat, jetzt mit dem Scalp-Trading anfangen? Was wären die ersten Schritte?

Anfangen sollte man nur, wenn man einige der oben genannten Voraussetzungen erfüllt. Vor dem ersten Schritt gilt es, eine Menge Fragen für sich zu beantworten: Welche Ziele verfolge ich mit dem Scalp-Trading? Welches Kapital habe ich zur Verfügung? Welche Risiken bin ich bereit, pro Trade, Tag und Woche zu riskieren?

In welchen Märkten will ich handeln: Währungen, Aktien oder Indizes? Mit welchen Produkten möchte ich traden: CFDs oder Futures?

Mit welcher Analysemethode gehe ich an den Markt: Klassische Charttechnik, Formationsanalyse oder doch Volume- und Marktprofil-Analyse?

Jede erwähnte Methode hat ihre spezifischen Vor- und Nachteile – wirklich jede. Dessen sollte man sich bewusst sein. Jeder sollte die Methodik wählen, die zu einem passt und mit der man sich wohlfühlt. Wechseln sollte man nur, wenn man nach mehreren Monaten analytisch keinen Vorteil mehr sieht und sich daraus mehr Verlust- als Gewinntrades ergeben.

Im Scalping hat jedes Setup auf lange Sicht nur eine Trefferquote von ca. 50%. Wer also immer das Gleiche handelt, wird nur zufällig erfolgreich sein. Das ist meine Erkenntnis aus über 20 Jahren kurzfristigem Trading. Aber woran liegt das?

Das liegt daran, dass sich die Marktzustände von Trend und Range im M1 oder M5 stetig ändern. Klar ist, dass ein Trendsetup innerhalb einer Range weniger erfolgreich ist, als ein Trendsetup innerhalb eines Trends. Um die Trefferquote auf dieser Ebene zu verbessern, ist es wichtig, die Akteure am Markt (und deren “Fußspuren”) besser lesen zu lernen. Dies bilde ich unter anderem im Grundkurs Scalp-Trading aus.

Wie weiter vorne schon geschrieben, sollte man bei seinen Trades zuerst an das Risiko und nicht an den Gewinn denken. Das Einzige, was wir als Trader aktiv bestimmen können, ist die Höhe des Verlustes. Bei den Gewinnen sind wir immer auf die anderen angewiesen, die so denken wie wir. Ganz wichtig und von vielen vernachlässigt: Das Auswerten der Trades.

Als Anfänger sollte man viel mehr Zeit in die Auswertung als in das Trading stecken. Als Coach empfehle ich heute, am Anfang 1-2 Stunden ins Trading und nochmals 1-2 Stunden in die Auswertung vergangener Trades zu investieren.

Das fällt vor allem an Tagen, an denen man einen Verlust erlitten hat, schwer – aber nur dadurch kann man besser werden. Es ist sehr gut, wenn man versteht, warum man was und wie gehandelt hat.

Um nochmal zum Fußball zu kommen: Hier werden heutzutage ebenfalls Videoaufzeichnungen vom eigenen Spiel gemacht, um genau die Schwachstellen zu sehen, die man dann im nächsten Spiel beim neuen Gegner vermeiden will. Der Prozess vom Trading bis zur Analyse und den daraus entstehenden Konsequenzen für zukünftige Handelsbewegungen sind enorm wichtig.

Vielen Dank für die interessanten Fragen. Ich hoffe, dass ich allen interessierten Lesern einen guten Einblick zum Thema Scalp-Trading geben konnte.

Wir möchten uns bei dir für die ausführlichen Antworten bedanken!


Heiko Behrendt auf YouTube & anderen Kanälen

Der Scalping-Experte betreibt auch einen YouTube-Kanal, auf dem er oft Videos und Anleitungen veröffentlicht.

Eine Besonderheit stellen hierbei die Highspeed-Trading Videos dar, bei denen die Nutzer dem Profi-Trader beim Handeln über die Schulter blicken können.

Neben der YouTube-Präsenz gibt es den Trader auch im täglichen Livestream bei Admirals zu sehen.

Es lohnt sich ebenso, einen Blick in den Grundkurs Scalp-Trading zu werfen, welchen der Coach im Interview erwähnt hat.

Im Grundkurs finden Nutzer mehr als 100 verschiedene Lektionen mit einer gesamten Videodauer von knapp 35 Stunden und 128 Seiten an PDF-Lernmaterialien.

Mehr Infos zum Scalping

Auf CFD.guide haben wir bereits Artikel veröffentlicht, die auch das Scalpen thematisieren.

Unter anderem empfehlen wir folgende Beiträge zum Thema:

  • Scalping Strategien
    Im Ratgeber präsentieren wir 5 Indikatoren, die man beim Scalping nutzen kann – und 4 beliebte Scalp-Strategien, die angewandt werden können.
  • Was ist Scalping?
    Wer bisher noch nie von Scalping gehört hat, sollte sich diesen Anfänger-Ratgeber näher ansehen. Hier werden die Grundlagen des Scalp-Tradings erklärt.
  • Funktioniert die Chartanalyse?
    Die Chartanalyse ist immer wieder Mittelpunkt heftiger Diskussionen. Manche glauben daran, andere vergleichen es mit Kaffeesudleserei. Aber was ist denn nun die Wahrheit? Unser Autor Jurij begibt sich im Internet auf Spurensuche – und entdeckt sowohl Argumente dafür, als auch Argumente dagegen.

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